Ja, die Faszination, den eigenen Pflanzen beim Wachsen zuzusehen, die kenne ich gut. "Ich weiss es noch genau: mein erster Gemüsegarten." spricht Juan und seine Augen verraten uns, dass er es tatsächlich noch weiss. "Das war nicht nur ein Gemüsegarten, das war der Anfang. An diesem Gemüsegarten bin ich erwachsen geworden. Dieses Gemüse hat mich hierhin gebracht. Ohne dieses Gemüse würden wir alle nicht in diesem Boot sitzen. Doch, ich will von vorne anfangen.
Neun Jahre war ich alt und kümmerte mich um meine Pflanzen, wie andere Kinder um ihre Haustiere. Meine Patentante aus Iquitos hatte mir Samen geschenkt: Tomaten, Zwiebeln, Zorn und Zukunft. Und ja, das war durchaus eine Seltenheit. Mais hatte jeder, Tomaten und Zukunft nicht. Von Mais ernährt sich die ganze Welt, aber in meinem Garten wuchs etwas besonderes. Und so behandelte ich es auch. Jeden Morgen, noch vor der Schule, stand ich an der Pumpe und versorgte die Pflanzen.
Wie sich die Keime durch das Erdreich an die Sonne arbeiten, Ihre Blätter entfalten und... nunja, das ist ein bekannter Prozess, ich will euch nicht langweilen. Stellt euch einfach die Freude eines neunjährigen an, der seine eigenen Tomaten reifen und sich röten sieht. Stellt euch vor, wie er sieht, wie uns die ganze Nachbarschaft Besuche abstattet und meiner Mutter Eier, Käse, ja sogar Münzen zustecken und mit dem Gemüse abziehen. Stellt euch vor wie dieser neunjährige sich ausmalt, was er sich mit dem Geld kaufen würde, das er mit seinem Gemüse verdient.
Ein Hemd, vielleicht richtige Schuhe - bis dahin kannte ich nur Ojote*.
Aber: Meine Mutter kaufte den bitter nötigen Kochtopf und den Rest benötigte mein Vater um... Dazu später mehr, Nächste Episode:
Mein Vater baute Mais an, grosse Felder voller Goldgelber Kolben. Ich sah, wie er das machte, ich half ihm. Ich half ihm Säen, Ernten und Verkaufen. Eine Libra für einen Nuevo Sol, das war der Preis damals. Ich beschloss also, auch Mais anzubauen. Ich erbat mir ein Stück unbenutztes Land, kaufte mir eine grosse Tüte Mais und brachte ihn mit Hilfe eines Schulfreund unter die Erde. Drei Monate sehe ich ihnen beim Wachsen zu, dann sind sie weg. Mein Vater habe sie wohl geerntet, sagt mir meine Mutter, nun sei er im Dorf.
Mit dem Mais ist auch der Zorn gereift. Als mein Vater abends betrunken zurück kommt bin ich schon nichtmehr da. Aber in Killabamba, wohin ich flüchtete, kann ich auchnicht bleiben. dort will man den kleinen 10jährigen nicht auf den Kaffeeplantagen arbeiten lassen, weil er nicht schleppen kann wie ein Erwachsener. Also stehe ich nach zwei Wochen Abwesenheit wieder zuhause vor der Tür.
Damit soll es aber nicht zuende sein. Kleine Juan stellt merkwürdige Fragen und dreht nachts anstatt zu schlafen Schnüre aus Maisstroh und Plastiktüten um sich ein paar Sol Reisegeld zu verdienen. Wieviel eine Mahlzeit in Cuzco kostet? Warum willst du das wissen? Ich habe schon meine Gründe. Die zweite Flucht, ist also sehr viel organisierter, scheitert ebenfalls und ist doch ein Erfolg. Du bist nicht mein Vater! Ich will nicht mit dir leben! Solche Sachen musste sich mein Vater anhören, nachdem er mich geschnappt hat. Ob es ihn schmerzte, das weiss ich nicht, aber es musste aus mir raus, Ausdruck eines Feuers, das in mir brannte, und es bringt mich meinem Ziel ein Stückchen näher.
Man schickt mich zu meiner Tante. Aber auch in Cusco bin ich nicht lange zufrieden, reisse aus und arbeite in einem Restaurant, lerne Spanisch, dann Buchhaltung und Autofahren. Schnell ist mir das zu wenig, ich arbeite in einer Textilfabrik, wo ich die Maschinen bediene und bald meinen Chef vertrete, während dieser seinen Liebschaften nachgeht. Ich werde mit Pullovern und Socken bezahlt, die ich Abends verkaufe. Irgendwann - war es die nahende Inflation? - reicht Paar Socken nichtmehr für eine Mahlzeit und ich suche mir einen Bürojob, lerne Verwaltung und Englisch.
Die Zeit vergeht und ich werde 23. Ich statte meinen Eltern einen Besuch ab, ohne zu verraten, wo und wovon ich lebe. Meine Eltern essen immer noch Mais, wie die Hühner. Mein Feuer ist nochnicht ausgebrannt und ich schimpfe auf meinen Vater, will meine Mutter mit mir in ein besseres Leben nehmen. Doch, sei es gewohnheit, sei es Liebe, die Bande sind stark. Sie bleibt und ich komme günstig an viel Land am Rio Madre de Díos, das ich durch Verwandlung in ein Reservat vor gierigen Holzfällern und Mineros schützte; der Anfang dieser Lodge.
Eine Lodge zu gründen, das ist keine Sache von Geld. Nur auf Erfahrung und Mut, darauf kommt es an.
*Ojote sind einfache, aber unverwüstliche Sandalen, die aus alten LKW-Reifen gefertigt werden


