Ich weiss ja nicht, wer es schon mitbekommen hat, aber der Grund, weswegen ich mich tagelang in Schweigen gehüllt habe, ist ein Streik. Ein drei Tage langer Generalstreik um genau zu sein. Drei Tage lang kein Motorad oder Auto auf der Strasse und kein eiziges Geschäft geöffnet. Mit einer Atemberaubenden Solidarität hat sich jeder daran gehalten. In Deutschland kaum denkbar, wo selbst ein Bahnstreik (Ein halber, wenn überhaupt) die Nation entzweit.
Der Grund für den Streik sind eine Reihe von Gesetzen, die dem Freihandelsvertrag folgten, den Alan Garcia, Präsident Perus, vor einiger Zeit mit den USA schloss. Bevor ich zu den Gesetzen komme, ein paar Worte zu Alan Garcia. Das letzte Mal, dass Garcia das Präsidentenamt innehatte endete dies in einer (höchst inflationären) Inflation. Die Wut der Bevölkerung trieb ihn nach Frankreich ins Exil. Von dort kam er dann irgendwann wieder und liess sich mangels Alternativen erneut zum Präsidenten wählen. Garcia ist gross und fett (
http://www.presidencia.gob.pe/images/alan_garcia.jpg), eigentlich ziemlich untypisch für einen Peruaner (weshalb böse Zungen behaupten er sei in Wirklichkeit Chilene). Ihn im Fernsehen zu sehen muss wohl auch deswegen fast schon witzig sein, weil er es schafft, "freier Handel" und "Liberalisierung der Märkte" in jeden Satz einzubauen. Ausserdem hat er das grösste Gehalt unter den Lateinamerikanischen Präsidenten, obwohl Peru ein vergleichsweise armes Land ist. Während seiner Exilzeit zahlte man ihm seine fette Pansion nicht. Nun hat er, wieder im Land, den peruanischen Staat (dessen Präsident er ist!) verklagt um an jenes Geld zu kommen.
Nun diese Gesetze sehen also in etwa so aus: Das Land soll gerechter verteilt werden (also den Armen genommen und Privatinvestoren verkauft). Deswegen wird all jenes Land, welches nich genutzt wird (also vor allem solches auf dem noch Wald steht) verstaatlicht und denen (gegen ein kleines Entgelt) gegeben, die etwas damit anfangen (also vor allem ausländische Konzerne, die dort Biodiesel produzieren wollen).
Scheinbar scheint sich niemand vorstellen zu können (oder wollen), dass auch ein Stück Wald (die Umwelt mal beiseite) Nutzen haben kann, wie etwa zur Jagd, für Holz oder zum Sammeln von Früchten und Nüssen.
Irgendwann hat es den Peruanern, vor allem aber den Bewohnern der Selva, schlicht gereicht, das sie vollständig ignoriert wurden. Ein Streik wurde organiesiert und angekündigt, keine Reaktion von seiten der Regierung.
Da mein Chef Luis als Präsident der AAE (Asociación de Agricultura Ecológica;
http://www.aae.edu.tc/) mitmischen will machen wir uns am ersten Streiktag ab in die Stadt. Dort ist wirklich alles dicht. Kein Geschäfft hat geöffnet. Strassensperren in Form von Streikposten, Baumstämmen und Nagelbrettern hindern die sonst so zahlreich vorhandenen Mopeds, wir auch Fernfahrer mit ihren LKWs am durchkommen. Protestmärsche mit Schildern, Transparenten, Rasseln und Stöcken mit Nägeln (zum Reifenaufstechen, da Fahrverbot) bewaffnet. Ein Recht seltsam anmutendes Bild, da keine wirkliche Öffentlichkeit, kein Publikum vorhanden ist. Es streiken mehr Menschen als die Stadt Einwohner besitzt, da auch Bauern, Minenarbeiter und Castanieros von ausserhhalb gekommen sind. Auf dem Plaza de Armas ("dem Hauptplatz") finden Reuniones wie diese statt. Die Nativos (Staatsbürger, die ihre ursprüngliche Lebensweise im Wald beibehalten haben) sind mit Federschmuck, sowie Pfeil und Bogen gekommen.
Als am Ende des Tages noch keine Reaktion von der Reagierung gekommen ist drängen einige Parteien auf eine Radikalisierung des Streiks. Ausser dem Bürgermeister, der den Streik unterstützt, befindet sich kein hoher Beamter mehr in der Region Madre de Dios. Der Präsident der Region, Kaway, ist schon lange verschwunden.
Dienstag, dem zweiten Streiktag, bringen wir den Streikenden Zitronen und (Koch-)Bananen. Da am Vortag nach Anbruch der Dunkelheit Menschen mit grossen Steinen sowie Pfeil und Bogen bedroht worden sind brechen wir schon früh auf. Auf die Drohung wichtige Gebäude wie etwa Regierung und Flughafen zu besetzen, werden diese von Polizei bewacht, das Kraftwerk gar vom Militär. Die Konzentration der Schilde im Protestmarsch sinkt, die der Reifenstecher steigt.

Mittwochs verlassen wir die Stadt vor der geplanten Zeit. Wir sitzen im Gebäude der Bauernvereinigung und dann: meine Nasenschleimhäute fangen an zu brennen, dann tränen die Augen. Die Peruaner erkennen schneller als ich: Reizgas. Ein paar Strassen weiter ist das Regierungsgebäude besetzt worden, das Gas wirkt bis hierhin. Miguel, zu Gast bei seinen Grosseltern, musste sich gar in Tücher gewickelt unters Bett legen um dem Tränengas zu entgehen.
Als dann nicht weit weg dicker schwarzer Rauch aufsteigt machen wir uns aus dem Staub.
Im Fernsehen sehen wir nicht nur Bilder des Streiks im ganzen Land, sondern erfahren auch: der Rauch kam aus dem Regierungsgebäude, dass mitsamt Autos, Computern und Akten angezünet wurde (durch Brandpfeile). Nachts gibt es die ersten Verhaftungen, Don Pedro schläft mit Hosen, um im Falle einer Verhaftung vorbereitet zu sein.
Ich hab überlebt und bleibe euch erhalten =)

Sogar die deutsche Presse hat es ja wohl mitbekommen
(http://www.taz.de/1/politik/amerika/artikel/1/verletzte-bei-generalstreik-in-peru/) auch wenn der Artikel aus meiner Sicht ein wenig undifferentiert ist und der dazu abgegebene Kommentar rassistisch.