Montag, 1. Juni 2009

Gastarbeiter

Eine Reisende Photographin hat uns besucht. Die ergebnisse sind hier:





Ja, das sind Verlinkungen. Draufklicken, dann gibts mehr zu sehn.

chakra de arroz III

15. November

Die Marken sind gesteckt, der erste Regen hat den Boden weich gemacht. Zwei von uns laufen gebückt über den verbrannten Boden, stechen in zwei Fuss Abstand ihre Macheten in den Boden und betten sanft in jedes Loch drei Maiskörner. Ihnen folgt das wilde Rattern von, von routinierter Hand geführter, Sähmaschinen. Tarrap tarrap tarrap, sinken die Reiskörner in die Erde. Wir arbeiten still und konzentriert, wir machen kleine Pausen, fahren fort. Es dauert den ganzen Tag, dann ist es fertig. Drei geschwitzte Gestalten stehen neben dem Feld, schultern ihre Werkzeuge und blicken stolz auf ihre kleine Aschewüste. Ein halber Hektar Boden, noch schwarz und verbrannt aber bald...

Mittwoch, 13. Mai 2009

la chakra II

3. September

Es fängt an wie immer. Wir ziehen einen peinlich sauberen Pfad um das machetete Gebiet, schaffen Wasser herbei und betrachten das knochentrockene Unkraut mit einem leichtem Kribbeln im Magen, während wir die Fackeln vorbeireiten. Dann geht alles sehr schnell. Luis geht die Südseite entlang, ich die Nordseite. Alle paar Meter senken wir unsere Fackel auf den Boden, bald brennt alles lichterloh. Die Flammen züngeln in den Himmel. Züngeln in den Himmel und formen meterhohe Wände aus Feuer und kleine Wirbelstürme. Die Luft ist sauerstoffarm, heiss und verraucht, sie atmet sich wie Kuchenteig. Immerwieder müssen wir direkt am Flammenmeer vorbei um nach dem Rechten zu schauen. Wir rennen. Das T-shirt wird zum Schutz vor der ungeheuren Hitze vors Gesicht gehalten. Auf der anderen Seite schnappen wir dankbar nach Luft. Der Adrenalinpegel ist hoch und zwei Stunden vergehen im Flug. Wir stehen vor einem halben Hektar Asche und haben Durst. Alles ist gut verlaufen. Hier und da treten die Flammen über die Ufer, doch wir halten sie im Zaum. Mein Hemd hat Brandflecken, die Sohlen meiner Gummistiefel haben durchs Austreten etlicher Flammen ihr jugendliches Antlitz verloren und schauen nun verknautschter, erfahrener aus, eher wie ein in den Sand gefallener Kaugummi.

Montag, 27. April 2009

la chakra I

7. August

Da wo mal ein Reisfeld sein soll ist im Moment noch ein kleiner Wald. Vereinzelt Bäume, viel stachelbewehrter Bambus und vor allem überdimensioniertes Unkraut und Sträucher, die von einem dichten Geflecht an Kletterpflanzen zusammengehalten werden. Gut Wald kann man es nicht nennen, es ist einfach nur Gestrüpp, aber immerhin misst es drei Meter Höhe und es muss weg. Also graben wir uns mit unseren Macheten durch das Dickicht. "Zing-zang, zing-zang" hört man es von überallher, wir treiben die glatte Schärfe unserer Macheten durchs Grün. Gleich einer Büchse der Pandora birgt das Blattwerk Hundertschaften durstiger Mosquitos in sich. Als Rache des Unkrauts fallen sie über uns her. Mit jeder Minute steigt die Sonne höher, lässt ihre brühende Hitze auf uns fallen.

Montag, 16. März 2009

Maestro Curandero

Hier mein Freund, nimm diese Blätter der Ruda*, schliesse sie fest in deine linke - denn die linke Hand ist die Hand des Herzens -, die linkeHand und komm ein Stück näher. Ich komme ein Stück näher. Und nun stehe ich zwischen aufmerksam lauschenden und leicht belustigten Peruanern. Alle halten sie ihre Linke geschlossen vor sich, in der Rechten eine Einkaufstüte oder ein Kind, ebenfalls aufmerksam lauschend bis quängelnd. In einem etwas ruhigeren Seitenarm des Marktes hat sich die gutgenährte Gestalt eines jungen Mannes aufgebaut. Vor ihm liegt eine laminierte Zeichnung einer Hand inmitten der Tierkreiszeichen. Sein Haar ist mit niedlicher Sorgfalt in der Mitte gescheitelt, seine Kleidung lässt sich sehen. Er redet von der Bedeutung der Tierkreiszeichen, der Abwehr böser Energien, beantwortet Fragen und berichtet der ein oder anderen geschmeichelten Hausfrau hellseherisch von ihrer Aufopferungsfähigkeit und ihrer Liebe zu ihren Kindern. Während er mit der einen Hand einen Vorrat Ruda bereithält, fuchtelt die andere in wilden Gesten herum. Sie macht kreisende, teilende und ziehende Gesten, schweift in die Runde, kommt auf seiner Brust zur Ruhe. Der Zeigefinger schiesst in die Höhe, sein durchdringender, leicht schielender Blick ruht auf mir. "Wenn ihr aber eine Stimme hinter euch hört, und ihr wisst, dass die Stimme einem Totem gehört, dann dreht euch nicht um, denn man ruft euch ins Jenseits. Wenn ihr die Stimme eines Bekannten hört, und ihr dreht euch um, und ihr seht niemanden, dann nehmt euch in Acht, denn dann war das ein Zauber, dann legt der jenige wahrscheinlich gerade einen Bann auf euch!"

Er redet, belehrt, weist sich Belustigende zurecht. Dann - es hat sich inzwischen ein kleiner Pulg versammelt - kommt er zum Finale. Erst schweigend, dann unter einem Schwall von Worten, hält er einen briefmarkengrosses Päckchen mit einem glänzenden Jesus-Christus-Aufkleber, ein Glücksbringer. "In dieses Päckchen sind die sieben Sahumedias** eingearbeitet. Dieses Päckchen näht ihr also mit gelbem Garn in roten Stoff ein. Und mit ihm näht ihr sieben Reiskörner, sieben Weizenkörner und sieben Blätter Ruda ein. Warum sieben Weizenkörner? Aus Weizen macht man Mehl. Und was macht man aus Mehl?" "Brot." "Richtig Brot. Damit euch also nie das Brot ausgeht, sieben Weizenkörner. Und der Reis? Was schmeisst man denn bei Hochzeiten fürs Glück?" "Reis." "Genau. Der Reis ist also fürs Glück. Ihr gebt also noch sieben Blätter Ruda hinzu und näht alles mit gelbem Garn in roten Stoff ein. Die Frauen tragen das Päckchen an der Brust, die Herren in ihrer rechten Hosentasche. Und wenn ihr Rat braucht, dann nehmt ihr das Päckchen, schliesst es fest in eure Rechte Hand und betet zu Gott. Und wenn ihr spürt, dass es sehr heiss wird, dass es euch verbrennt, dann naht Unheil. Ich will euch nichts verkaufen, ich will euch dieses Päckchen schenken, aber auch ich habe meine Unkosten. Also jeder der einen Talisman haben will, der strecke seine rechte Hand mit zwei Soles*** in die Mitte."

Wer brauch schon Wahrheiten, wenn er Geschichten haben kann? Wofür Fakten, wenn man Zauber haben kann? Da arbeitet ein Haufen Wissenschaftler jahrhundertelang in seinen Laboren an irgendwelchen abstrusen Vermutungen und was haben wir davon? Erst brocken sie uns die Atombombe ein, dann erfinden sie den Klimawandel. Und das alles von Steuergeldern. Dieser Talisman hingegen, mit seinem verträumt guckenden Jesus mit glitzerndem Heiligenschein, so nützlich und nur zwei Sol...

"Gut, alle die jetzt einen Talisman in ihrer rechten Hand halten, die dürfen mir jetzt in mein Zimmer folgen, da gebe ich euch noch ganz kostenlos einen Rat."

Wir durchkreuzen den Markt, überqueren die Strasse, biegen in eine Seitengasse, treten in eine kleine Herberge ein, steigen in den ersten Stock, setzten uns und warten. Jeder soll sich eine Frage schoneinmal bereithalten. Einer nach dem anderen betritt das Zimmer und verlässt es mit einem verlegenen Lächeln auf den Lippen. Ich bin dran. In einer Ecke der stickigen kleinen Stube ist ein kleiner Tisch aufgebaut, das zugehängte Fenster lässt weder richtig Luft noch Licht in den Raum, ich schwitze. Auf dem Tisch erläuchten zwei Kerzen ein neues laminiertes Bild, Fläschchen mit eingelegten Kräutern, Heiligenbilder, Zettel, Räucherstäbchen, eine Bibel. "Setz dich hierhin. Wie ist dein Name? Ja, Hernán, dann gib mir mal deine Hand. Hmm. Du wirst einmal eine schöne Frau heiraten. Ja, hier: Ich sehe eine grosse Reise. Und.... oh, oh. Das hier könnte ein grosses Unheil sein. Lass uns das genauer herausfinden."

Er gibt mir ein auf einer Seit silbern beschichtetes Papier, auf das ich meinen Namen schreibe. Er faltet das Papier, drückt es mir immer wieder auf die schweissnasse Stirn, lässt mich ein Gebet nachsprechen. "Und jetzt hol deinen Talisman heraus." Zusammen mit dem Papier schliesst er meine Hand darum. "Und? Spürst du irgendetwas? Es ist heiss? Sehr heiss? Oh Gott! Schnell raus aus der Hand! Weisst du noch, was ich gesagt habe? Das bedeutet Unheil. Ich wollte es ja nicht aussprechen, bevor ich mir nicht sicher war, aber du wirst einen Verkehrsunfall haben und als Invalide daraus hervorgehen! Das ist weil jemand, der dir nahe steht dir böses wünscht. Es ist eigentlich schon eine vollendete Tatsache, du wirst einen Verkehrsunfall haben. Aber ich kann dich heilen. Wieviel Bargeld hast du dabei? Gib mir dreihundert Sol. das ist ein schwerwiegender Fall, du wirst deine Arme verlieren, willst du etwa dein Leben lang..." usw.

Gut, ich will nicht behaupten, dass Wahrheiten kostengünstiger sind, dafür hat man (meistens) länger davon.




* Ruda: eine gängige zauberkräftige Pflanze, vor allem zum Schutz. Ins Zimmer gestellt saugt sie negative Energien auf und gibt sie in ihr Wasser ab.
** Sahumedias: Ritualpflanzen, vor allem zum Räuchern.
***Sol, Soles: peruanische Währung. 4 Sol sind ein Euro. Der Gebrauchswert ist etwa 1:1.

Sonntag, 15. Februar 2009

Regen, Regen, nichts als Regen...

Meine Hose: längst durchgenässt, meine Tasche: längst durchgenässt. Nur mein Buch und mein Hemd sind sicher in Plastik eingepackt - eines der letzten, im klammen Klima fängt nicht nur Wäsche an zu schimmeln. Meine Stirnlampe ist zum Glück wasserfest, das Licht meines Motorads funktioniert nicht. Der Himmel hat ausgerechnet heute abend beschlossen sich über mir auszuschütten und untermalt seinen Segen mit böigem Wind. Etwa drei Meter weit reicht der Lichtkegel, genug um mich in langsamer Fahrt auf der Strasse zu halten. Die Schlaglöcher sind ohnehin verborgen unter den Fluten. Ein Blitz. Sein Licht gibt die Sicht frei auf den Weg, der wie klaffende Wunde vor mir liegt. Ich komme kaum vorwährts, bange, dass der Auspuff über Wasser bleibt. Die Strasse ist heute nacht für die Binnenschifffahrt freigegeben. Noch ein Blitz., Ich sehe nur Wasser, sturmgepeitscht.

Samstag, 7. Februar 2009

Eine Woche Grossstadt II

Die limeñer Tage vergehen, dass ich gute Cebiche gegessen habe, die Plaza de Armas gesehen, das ist wohl kaum erwähnenswert.

Es kommt also der Tag meiner Abreise. Mit dem Rückflug ist da wohl ein kleiner Fehler unterlaufen. Ich solle meine Rückreise dann in einem Monat antreten. Auch in langen Schlangen anstehen und viel meckern hilft nicht, falsch gebucht ist falsch gebucht. Also gehts zum Busbahnhof, wir kaufen ein Ticket bis nach Puerto und - und das ist doch erfreulich - mir bleiben noch 5 Stunden um ein wenig der Stadt herumzulaufen. Mein erstes Ziel ist Polvos Azules, ein gigantischer Markt, wo ich mich mit raubkopierter Musik und gefälschten Lacostehemden eindecke. Hoch zufrieden suche ich mir eine neue Beschäftigung, ich zeichne ein wenig in einem Stadtpark, kaufe mir ein Inkakolaeis am Stiel und stelle mich gefühlte sieben Stunden in die Schlange zum italienischen Museum. Ich stehe mir die Beine in den Bauch und lese Rilkes "Briefe an einen jungen Dichter" gleich zum zweiten, und zum dritten Mal.
Dann ist es soweit. Italienisch sind nur die grösstenteils mittelmässigen Bilder. Der Hauptaugenmerk liegt auf den Skulpturen von Dalí, Degas und Rodin. Wer Rodin kennt, dem muss ich nicht erklären, dass es sich gelohnt hat. Noch einen kurzen, begeisterten Blick auf "den Denker" und ich beeile mich, dass ich den Bus nicht verpasse.

Die Wüste hatte ich ja schon erwähnt, aber jetzt fahre ich mitten hindurch. Geröll und Staub, soweit das Auge reicht - die romantische Sandwüste findet man hier nicht. Kleine Hügel, kleine Dörfer entlang der Strasse, Zu-verkaufen-ab-200ha-Schilder, Felsenlandschaft. Ab und an sieht man Werbung, die einem bizzar vorkommt. Eine 50m lange bedruckte Plastikplane stellt einen quell Pepsi dar, der sich aus der auf einer Anhöhe liegenden LKW-grossen Flasch ergiesst, turmhohe zweidimensionale Eisbären stehen auf einem quadratischem, komplett weiss angemaltem Stück Wüstenboden und preisen Coca Cola an.

Was man sonst noch zu Gesicht bekommt, wenn man mit dem Bus aus der Wüste in die Anden fährt:
- Staub (der Fairness halber muss ich ihn nocheinmal erwähnen. Es ist wirklich viel Staub.)
- Ica, wo an jeder Ecke Wein verkauft wird.
- Einen Herren, der mit seinem Kätzchen spielt (mit einer an einer Schnur aufgehängten, stetig schnappenden Schere!)
- Drei Männer, die sich in einem Innenhof mit Pistolen bedrohen
- Grasbedeckte Hochebenen mit Seen, an deren Ufern die, für ihre Wolle berühmten, Vicuñas grasen.
- den majestätischen Maguey
- Andenmamis mit knielangem Faltenrock, dicken Strümpfen und Filzhut
- Ein auf einem Strohballen den Sonnenuntergang erwartendes Pärchen
- Eukalypthus
- Felsen
- tote Hunde
- und letztendlich dann auch noch einmal Cusco

Der Bus, frisch aus der Werkstatt, funktionierte nicht ganz zur Zufriedenheit der Reisenden. Es gibt weder DVD noch Musik, ein Umstand, der mir eine angenehm ruhige Fahrt beschehrt. Ich höre meine Musik und meine Reportagen, ich schaue aus dem Fenster, ich bin zufrieden. Auch der Motor scheint nicht einwandfrei zu laufen. Der Fahrer traut sich, aus Furcht garnicht anzukommen, in den Steigungen nicht schneller zu fahren als ein Schleichtempo, das manche Fahrgäste zu recht wüsten Äusserungen zum armen Jungen vom Bordservice veranlasst - Erst recht, nachdem die Uhren auf 4Uhr zeigen, viele ihren Anschlussbus verpasst haben. Der nächste Bus geht erst morgen um die gleiche Zeit. Ein Tag in Cusco, und das nicht aus eigenem verschulden, der also nicht von der Ferienzeit abgerechnet wird - was will man mehr - , ich bin zufrieden.

Das Hostal bezahlt die Agentur, den Tag geniesse ich. Den Pullover auf dem Leib (Wann bekommt man nochmal so eine Gelegenheit? Bis Ende März bleibe ich im tropischen Puerto Maldonado.), begebe ich mich in das Gassengewirr Cuscos, lausche in einem Lokal mit Livemusik drei bolerosingenden, gitarreklipfernden und cajonklopfenden Cubanern (Wann bekommt man nochmal so eine Gelegenheit? Bis Ende März bleibe ich im sagen wir mal "ruhigen" Puerto Maldonado.), lege mich in mein Federbett (Wann bekommt man nochmal so eine Gelegenheit? Bis Ende März bleibe ich im in Bretterbetten schlafenden Puerto Maldonado.) und kaufe Rohtabak, Chuntabrot, Honig und Trockenobst. (Wann bekommt man nochmal...) Globalisierung? Hier nicht. Trivialitäten aus der einen Region sind hier ein beliebtes Mitbringsel in der anderen. Eine Kakaofrucht hat man in der Sierra nochnicht gesehen, an Honig ist in der Selva einfach nicht dranzukommen.
Für eine Zeichnung reicht es noch, aber dann ist der Tag auch schon zuende. Den Seesack auf die Schulter und auf nach Puerto Maldonado.

Mittwoch, 28. Januar 2009

Eine Woche Grossstadt I

das Flugzeug hebt ab und wieder sehe ich den sich unendlich weit erstreckenden Urwald, mittendrin, zwei Flüsse und ein Dorf, das nur über Satelit ans Internet angbunden ist, ein Anblick, der soviel sagt über die sieben Monate, die ich dort lebe.

Nun aber geht es ersteinmal nach Lima. Dort holt man mich vom Flughafen ab, ein Glück. Ich bin die ganze Woche bei der Familie von Carmen eingelagert, einer Freundin, die ich in Puerto gemacht habe. Wir starten ersteinmal mit einer Stadtführung: Plaza San Martin, Rio Rimac, Plaza de Armas. Dort werden wir abgeholt. Je weiter man sich von der Innenstadt und ihren Kolonialbauten und modernen Fassaden entfernt, desto grau-brauner wird alles. Die ganze Stadt ist grau-braun, wo dem feinen Staub nicht mit bunten Farben und ständigen Wischen entgegenarbeitet. Der Staub und die, einer Mondlandschaft entnommen scheinenden, Hügel, die die Stadt umringen, sie machen mir bewusst: Wenn hier, wo ich gerade stehe, nicht Lima wäre, wenn hier nicht ein Drittel der Bevölkerung Perus leben würde, dann wäre hier auch Wüste, nicht mehr als Geröll und Sand.

Ich stehe auf dem Dach des Hauses der Palaminos, einem wunderbaren Ort, von dem man ganz Carabayllo Ueberblicken kann, bei guter Sicht sieht man bis auf die Innenstadt - immerhin anderthalb Autostunden entfernt. Ein leichter Niselregen faellt auf das Dach, dort wo eine Staubschicht auf dem Beton liegt verschwinden die Tropfen da wo sie fallen. Alberto holt mich zum Mittagessen ab: Cebiche. Er erwähnt: Stärker regne es hier nie.

Montag, 5. Januar 2009

Frohe Weihnachten und ein frohes neues Jahr...

wünsche ich all jenen Bloglesern, die noch übrig geblieben sind, trotz langem Warten und - bis jetzt - fehlenden Weihnachtsgrüssen. Es war ein ruhiges Weihnachten und es war trotz tropischer Temperaturen ein schönes Weihnachten.

Es folgen:
Der letzte grosse Auftritt unseres Adventkranzes,
Die 4-Stunden-Ente,
Und der, sich an Hühnerfleisch ergötzende, Loro.







Sonntag, 4. Januar 2009

Das Phänomen - eine Tragödie in vier Teilen

Vorspiel:

Vier Tage nach meiner Ankunft trifft auch das Phänomen in Puerto Maldonado ein, ein Vorsprung, den es so ganz nie aufholen wird. Mein einziger Kontakt mit ihm:
Ein Emailverkehr, der mir ein Bild und grosse Pläne eines grossen Mannes übermittelt.
Die ersten Wochen muss das Phänomen, aufgrund der Renitenz der ersten Praktikantin, in einem zweiten Haus, etwa 100m von dem unseren entfernt verbringen, ebenfalls ein Umstand der sich nichtmehr ändern soll. Dort kann das Phänomen von nun an Chaos und Grasgeruch verbreiten ohne, dass wir besonders viel davon mitbekommen. Und genau das tut es.
Hätten wir nun folgende Attribute: prahlerisch und isoliert. Aber eigentlich dreht sich alles um letzteres.
Um zu ergänzen: Desinteresse, das es gegenüber den Gegebenheiten und Geschehnissen im Ecocentro, in Perú, um ihn herum an den Tag legt führt dazu, dass es sich - wir sehen der Kreis schliesst sich - weiter isoliert. Einer weiteren Eigenschaft wollen wir - im Verbund mit einem prägendem Ereignis - das nächste Kapitel widmen.
Bleibt, um das Bild zu runden, noch zu erwähnen, was, wer es kennt, ohne Verwunderung aufnimmt:
Das Phänomen ist Einzelkind.



"Die Tobsucht"

Tobsucht mag ein zu starker Begriff sein, doch in diesem Abschnitt widmen wir uns des Phänomens cholerischer Ader, die sich wie ein roter Faden auch durch die weiteren Kapitel zieht. Anfangen aber wollen wir mit ihrem ersten signifikanten Ausbruch und dessen Umständen.
Auf seiner Reise nach Cusco kaufte sich das Phänomen zahlreiche Utensilien, bunte Schuhe, Werkzeuge, Futter für seine beiden Leidenschaften: Das Artesanotum - dazu später mehr - und den, wie es unser Chef erkennt, "cosas fuertes" - den starken Sachen.
Unter anderem dickes Rindsleder, mit dessen Verarbeitung zu geschmacklosen Taschen es auch promt begann. Sein ganzer Stolz: ein liebevoll gearbeiteter Hüftbeutel.
Eben jener Hüftbeutel findet sich eines Tages unter ungeklärten Umständen, wahrscheinlich aber gestürzt, in einer Bütte mit Wasser wieder, ist folglich nass. Dies ist nun der Auslöser für Ereignisse von denen ich nur folgendes schildern will:

Luft strömt durch zornige Stimmbänder und formt Worte, die niederzuschreiben es sich nicht ziemt, höchstwahrscheinlich völlig unschuldige Hunde fliegen durch die Luft, fiepsen erbärmlich, fangen sich Prügel ein, ein sich brüskierender Chef wird unverschämt abgekanzelt, Fäuste trommeln wild gegen Baumstämme, bittere Zornestränen fliessen über kochend heisse Wangen, wo sie rasch verdampfen, der Quell wütend-verzweifelter Tiraden entfernt sich zähneknirschend, erbost stapfend vom Ort des Geschehens.
Dies also geschah, gab uns ein Bild vom ruhenden Potencial, und legte den Grundstein für die miserable Beziehung zwischen dem Phänomen der dritten Praktikantin, sowie seinen Rückzug aus gemeinschaftlichen Raum und gemeinschaftlicher Zeit.



"Ein Katalysator zu Besuch"

Klären wir nun zuerst einmal, was ein Artesano ist. Artesano aus dem Spanischen übersetzt heisst zuerst einmal lediglich "Kunsthandwerker". Das kommt dem Ursprung des Artesanotums schon recht nahe, beschreibt aber die Umstände nicht ausreichend für das nun folgende Szenario. Obwohl es auch andere Beispiele gibt, sesshafte, den Drogen abgeneigte, gar bürgerliche, ist der Archetyp des Artesanos doch ein Reisender, meist ein Lateinamerikaner, selterner ein Gringo, der versucht durch Herstellung und Verkauf von Schmuck verschiedenster Qualität - künstlerisch hochwertiges lässt sich genauso finden, wie Freundschaftsbändchen der aller untersten Kategorie - sein Herumziehen zu finanzieren. Das Bild, das die Bevölkerung von jenen Menschen hat ist mit jenem zu vergleichen, das bei uns einem Penner anhaftet: faul, schmutzig, nichtsnutzig. Dies entspricht keinesfalls immer der Wahrheit, hält sich aber, durch einzelne schlechte Beispiele und durchweg geläufigen Mariauanakonsum, hartnäckig.

Ebensolche Landstreicher, ein rastalockiger Kolumbianer mit seiner Freundin, lädt das Phänomen ein, eine Zeit bei uns zu wohnen - ohne den abwesenden Chef zu konsultieren - und füttert die beiden auf Kosten der Gemeinschaftskasse durch. Die dritte Praktikantin spricht aus, was sie darüber denkt und die Vorführung als Rassistin beim nächsten Frühstück sollen die letzten Worte beinhalten, die das Phänomen je an sie richten wird. Ja, stur ist es auch. Falls diese Massnahme die dritte Praktikantin ausgrenzen sollte hat sie versagt. Sie, die auch, anders als das Phänomen, im selben Haus mit uns wohnt, bleibt integriert. Das Phänomen jedoch, das ab sofort jeglichen Kontakt mit der dritten Praktikantin und - vor allem - gemeinsame Mahlzeiten meidet, entfremdet sich weiter.



"Epilog"

Das Ende? Nein, zuende ist die Geschichte noch nicht. Aber präsentieren wir nun, was in gewisser Weise das Ende darstellen könnte. Dass es mit seiner Angewohnheit, sich an Tetrahydrolcannabinol zu berauschen hier nur bei den Artesanos nicht aneckt, dass niemand ihn für besonders mutig hält, wenn er sich einem halluzinogem Trip stellt, dass man den Rest des Tages nichts mehr auf die Reihe bekommt, wenn man um fünf Uhr morgens das erste Cannabis konsumiert, dass eine Party bis vier Uhr morgens keine angemessene Entschuldigung ist, um die Arbeit zu verschlafen, dass es nicht besonders gern gesehen ist, wenn man auf dem Gelände der A·A·E seine eigenen Pflanzungen schon zu oft erwähnter Pflanzen anlegt, all das müsste das Phänomen noch lernen. Einem Rausschmiss nahe war es schon. Doch was wird kommen? Wer weiss das schon. Ist dies das Ende? Ist es der Anfang? Ende und Anfang zugleich? Der Anfang vom Ende? Müssig dies zu diskutieren. Das Phänomen, es ist ein Phänomen. Soll es uns traurig machen, nachdenklich vielleicht, oder amüsiert. Dinge geschehen und keiner weiss, warum. Dies ist eine Beobachtung, ein kleiner Blick auf grosse Dinge. Salman Rushdie sagt: "Wer ein einziges Leben begreifen will, der muss die ganze Welt schlucken.". Aber ich, ich habe gerade erst einen kleinen Happen genommen.