Freitag, 12. Dezember 2008

Brasilien, der Flaschengeist und das Ärgernis

Angefangen hat es wie immer. Ich sitze im Auto, schwitze und starre auf die vorbeirasende Tropenvegetation. Keine frische Luft wegen Staub, kein Astor Piazolla wegen Kumbia in voller Lautstärke, und kein Buch wegen fehlendem Asphalt und ausgelutschten Stossdämpfern. Iñapari, Assis - Stempel hier, Stempel da; ich suche mir ein Hotel.
"Seife benutzen wir nicht.", Handtuch ist auch nicht vorhanden. Auch gut, ich trockne mich mit der Bettwäsche ab und fliehe aus dem potthässlichen, vollverkachelten Hotelzimmer auf die Plaza* zum Briefe schreiben. Es ist schon dunkel, die Strassenlaternen ziehen die versammelte überdimensionale tropische Insektenschaft an und alles was kein Ziel oder kein Zuhause hat sitzt still auf Holzbänken an der Plaza. Grüppchen von Grenzdorfjugendlichen und Taxifahrern okkupieren ihre Stammplätze, ein kleiner bärtiger Mann geht herum und spricht die Leute an.
Einen jungen Mann, dem Anschein nach Peruaner, dann mich. "OLÁ!" Der süsslich-angebrannte Geruch von billigem Zuckerrohrschnaps begrüsst mich. Der Mann der den Geist aus der Flasche bezwungen hat richtet seinen Silberblick stur auf mich. Er hat ein abgetragenes blaues Hemd am Leib, trägt einen grauen Bart, eine Schirmmütze und ein Bündel an einem Stock. Er spricht portugiesisch - natürlich -, viel verstehe ich nicht. Er will wohl, dass ich mit ihm zusammen wandere. Über die Grenze. Das sei billiger als das Taxi. "Belleza?" Er deutet in den Himmel, sagt, Gott werde ihn beschützen. "Ich verstehe dich nicht." und ich will auch nicht mit dir wandern. Eigentlich will ich nur einen Brief schreiben. "Belleza?" Nein! "Ich verstehe nicht." "Eine Freude dich kenne zu lernen. Ich gehe etwas essen, etwas essen. Gleich komme ich wieder. Bleib einfach hier sitzen, einfach hier sitzen bleiben. Und morgen wandern wir zusammen. Das ist billiger als das Taxi. 4 Reais. Soviel. Man kann einfach wandern. Morgen wandern wir zusammen. Bleib einfach hier sitzen. Belleza?" Ich bleibe sitzen. Er geht.

José Ortega Ayamuri, Peruaner, gerne auf Reisen. Aber das ist garnicht so einfach. Er hat gemerkt, das ich den besoffenen Penner auf Spanisch abgewimmelt habe und setzt sich zu mir. Er ist ein bisschen frustriert. 10 Tage durch Brasilien reisen, ein Land wie ein Kontinent. Lateinamerikanisch und doch anders, einfach fremd. Und dazu riesengross. Schöne Frauen, vielfältige Natur, fettiges Essen. 10 Tage nach São Paulo und zurück, die Welt zu Füssen, so hatte er es sich vorgestellt. Warum genau sie ihn nicht rein lassen, er weiss es nicht, sagt er. Einen Tag dürfe er in Assis bleiben, dann gehe es zurück nach Peru. In Chile und Equador sei ihm das auch schon passiert. Als Peruaner bekomme man einfach kein Visum. Nirgendwo. Einmal, ohne Visum unterwegs, habe man ihn sogar polizeilich abgeführt und zur Grenze gefahren.
"Die Leute glauben, die Peruaner wollten aus ihrem Land fliehen. Eine neue Arbeit, ein besseres Leben finden. Aber das will ich garnicht. Ich will einfach nur mal über mein Land hinausschauen, ein bisschen Reisen. Ein bisschen von der Welt sehen und wieder nach Hause. Ich mag meine Heimat."
Morgen geht es nach Hause. Wieder zurück.
Ich werde mit ihm fahren. Der Grenzbeamte wird mir 30 Tage geben. Das Minimum. 30 Tage. In einem Monat werde ich mich schonwieder um mein Visum kümmern müssen.Aber 30 Tage sind 30 Tage. Kann man sich da noch ärgern?




* la Plaza : der Platz. In der spanischen Kolonialarchitektur sind sämtliche Strassen im Schachbrettmuster angelegt, den Mittelpunkt einer Stadt bildet der "Plaza de Armas" (Waffenplatz), der meist gemeint ist, wenn von "la Plaza" gesprochen wird.

2 Kommentare:

mein fetter blog hat gesagt…

Hey Ruy es ist immer wieder wunderbar von dir zu lesen. Dein Stil ist klasse! Sag ma heißt dass das du nun alle 30 Tage ausreisen musst??

Anonym hat gesagt…

qUERIDO Hernan,
que lindo leer tus cuentos tan lindos y tambien parecidos a mis experiencias...

Te deseo un buen tiempo que te todo bien

ahora tambien un buen navidad con 30 grados :-)

saludos a todos


Old Zivi