Samstag, 27. Dezember 2008

juan de eco

Der alte Dieselmotor knattert geduldig, wir fahren flussaufwärts. Die Gischt sprizt, der Wind lässt uns die brennende Sonne nicht spüren. Wir sitzen vorn, Juan, Jorge und ich. Und während sich die Kameras der Touristen mit Bildmaterial von Fischreihern, Goldwäschern und Djungelvegetation füllen erzählt uns Juan seine Geschichte.
Ja, die Faszination, den eigenen Pflanzen beim Wachsen zuzusehen, die kenne ich gut. "Ich weiss es noch genau: mein erster Gemüsegarten." spricht Juan und seine Augen verraten uns, dass er es tatsächlich noch weiss. "Das war nicht nur ein Gemüsegarten, das war der Anfang. An diesem Gemüsegarten bin ich erwachsen geworden. Dieses Gemüse hat mich hierhin gebracht. Ohne dieses Gemüse würden wir alle nicht in diesem Boot sitzen. Doch, ich will von vorne anfangen.
Neun Jahre war ich alt und kümmerte mich um meine Pflanzen, wie andere Kinder um ihre Haustiere. Meine Patentante aus Iquitos hatte mir Samen geschenkt: Tomaten, Zwiebeln, Zorn und Zukunft. Und ja, das war durchaus eine Seltenheit. Mais hatte jeder, Tomaten und Zukunft nicht. Von Mais ernährt sich die ganze Welt, aber in meinem Garten wuchs etwas besonderes. Und so behandelte ich es auch. Jeden Morgen, noch vor der Schule, stand ich an der Pumpe und versorgte die Pflanzen.
Wie sich die Keime durch das Erdreich an die Sonne arbeiten, Ihre Blätter entfalten und... nunja, das ist ein bekannter Prozess, ich will euch nicht langweilen. Stellt euch einfach die Freude eines neunjährigen an, der seine eigenen Tomaten reifen und sich röten sieht. Stellt euch vor, wie er sieht, wie uns die ganze Nachbarschaft Besuche abstattet und meiner Mutter Eier, Käse, ja sogar Münzen zustecken und mit dem Gemüse abziehen. Stellt euch vor wie dieser neunjährige sich ausmalt, was er sich mit dem Geld kaufen würde, das er mit seinem Gemüse verdient.
Ein Hemd, vielleicht richtige Schuhe - bis dahin kannte ich nur Ojote*.
Aber: Meine Mutter kaufte den bitter nötigen Kochtopf und den Rest benötigte mein Vater um... Dazu später mehr, Nächste Episode:
Mein Vater baute Mais an, grosse Felder voller Goldgelber Kolben. Ich sah, wie er das machte, ich half ihm. Ich half ihm Säen, Ernten und Verkaufen. Eine Libra für einen Nuevo Sol, das war der Preis damals. Ich beschloss also, auch Mais anzubauen. Ich erbat mir ein Stück unbenutztes Land, kaufte mir eine grosse Tüte Mais und brachte ihn mit Hilfe eines Schulfreund unter die Erde. Drei Monate sehe ich ihnen beim Wachsen zu, dann sind sie weg. Mein Vater habe sie wohl geerntet, sagt mir meine Mutter, nun sei er im Dorf.
Mit dem Mais ist auch der Zorn gereift. Als mein Vater abends betrunken zurück kommt bin ich schon nichtmehr da. Aber in Killabamba, wohin ich flüchtete, kann ich auchnicht bleiben. dort will man den kleinen 10jährigen nicht auf den Kaffeeplantagen arbeiten lassen, weil er nicht schleppen kann wie ein Erwachsener. Also stehe ich nach zwei Wochen Abwesenheit wieder zuhause vor der Tür.
Damit soll es aber nicht zuende sein. Kleine Juan stellt merkwürdige Fragen und dreht nachts anstatt zu schlafen Schnüre aus Maisstroh und Plastiktüten um sich ein paar Sol Reisegeld zu verdienen. Wieviel eine Mahlzeit in Cuzco kostet? Warum willst du das wissen? Ich habe schon meine Gründe. Die zweite Flucht, ist also sehr viel organisierter, scheitert ebenfalls und ist doch ein Erfolg. Du bist nicht mein Vater! Ich will nicht mit dir leben! Solche Sachen musste sich mein Vater anhören, nachdem er mich geschnappt hat. Ob es ihn schmerzte, das weiss ich nicht, aber es musste aus mir raus, Ausdruck eines Feuers, das in mir brannte, und es bringt mich meinem Ziel ein Stückchen näher.

Man schickt mich zu meiner Tante. Aber auch in Cusco bin ich nicht lange zufrieden, reisse aus und arbeite in einem Restaurant, lerne Spanisch, dann Buchhaltung und Autofahren. Schnell ist mir das zu wenig, ich arbeite in einer Textilfabrik, wo ich die Maschinen bediene und bald meinen Chef vertrete, während dieser seinen Liebschaften nachgeht. Ich werde mit Pullovern und Socken bezahlt, die ich Abends verkaufe. Irgendwann - war es die nahende Inflation? - reicht Paar Socken nichtmehr für eine Mahlzeit und ich suche mir einen Bürojob, lerne Verwaltung und Englisch.

Die Zeit vergeht und ich werde 23. Ich statte meinen Eltern einen Besuch ab, ohne zu verraten, wo und wovon ich lebe. Meine Eltern essen immer noch Mais, wie die Hühner. Mein Feuer ist nochnicht ausgebrannt und ich schimpfe auf meinen Vater, will meine Mutter mit mir in ein besseres Leben nehmen. Doch, sei es gewohnheit, sei es Liebe, die Bande sind stark. Sie bleibt und ich komme günstig an viel Land am Rio Madre de Díos, das ich durch Verwandlung in ein Reservat vor gierigen Holzfällern und Mineros schützte; der Anfang dieser Lodge.



Eine Lodge zu gründen, das ist keine Sache von Geld. Nur auf Erfahrung und Mut, darauf kommt es an.




























*Ojote sind einfache, aber unverwüstliche Sandalen, die aus alten LKW-Reifen gefertigt werden

Freitag, 12. Dezember 2008

Brasilien, der Flaschengeist und das Ärgernis

Angefangen hat es wie immer. Ich sitze im Auto, schwitze und starre auf die vorbeirasende Tropenvegetation. Keine frische Luft wegen Staub, kein Astor Piazolla wegen Kumbia in voller Lautstärke, und kein Buch wegen fehlendem Asphalt und ausgelutschten Stossdämpfern. Iñapari, Assis - Stempel hier, Stempel da; ich suche mir ein Hotel.
"Seife benutzen wir nicht.", Handtuch ist auch nicht vorhanden. Auch gut, ich trockne mich mit der Bettwäsche ab und fliehe aus dem potthässlichen, vollverkachelten Hotelzimmer auf die Plaza* zum Briefe schreiben. Es ist schon dunkel, die Strassenlaternen ziehen die versammelte überdimensionale tropische Insektenschaft an und alles was kein Ziel oder kein Zuhause hat sitzt still auf Holzbänken an der Plaza. Grüppchen von Grenzdorfjugendlichen und Taxifahrern okkupieren ihre Stammplätze, ein kleiner bärtiger Mann geht herum und spricht die Leute an.
Einen jungen Mann, dem Anschein nach Peruaner, dann mich. "OLÁ!" Der süsslich-angebrannte Geruch von billigem Zuckerrohrschnaps begrüsst mich. Der Mann der den Geist aus der Flasche bezwungen hat richtet seinen Silberblick stur auf mich. Er hat ein abgetragenes blaues Hemd am Leib, trägt einen grauen Bart, eine Schirmmütze und ein Bündel an einem Stock. Er spricht portugiesisch - natürlich -, viel verstehe ich nicht. Er will wohl, dass ich mit ihm zusammen wandere. Über die Grenze. Das sei billiger als das Taxi. "Belleza?" Er deutet in den Himmel, sagt, Gott werde ihn beschützen. "Ich verstehe dich nicht." und ich will auch nicht mit dir wandern. Eigentlich will ich nur einen Brief schreiben. "Belleza?" Nein! "Ich verstehe nicht." "Eine Freude dich kenne zu lernen. Ich gehe etwas essen, etwas essen. Gleich komme ich wieder. Bleib einfach hier sitzen, einfach hier sitzen bleiben. Und morgen wandern wir zusammen. Das ist billiger als das Taxi. 4 Reais. Soviel. Man kann einfach wandern. Morgen wandern wir zusammen. Bleib einfach hier sitzen. Belleza?" Ich bleibe sitzen. Er geht.

José Ortega Ayamuri, Peruaner, gerne auf Reisen. Aber das ist garnicht so einfach. Er hat gemerkt, das ich den besoffenen Penner auf Spanisch abgewimmelt habe und setzt sich zu mir. Er ist ein bisschen frustriert. 10 Tage durch Brasilien reisen, ein Land wie ein Kontinent. Lateinamerikanisch und doch anders, einfach fremd. Und dazu riesengross. Schöne Frauen, vielfältige Natur, fettiges Essen. 10 Tage nach São Paulo und zurück, die Welt zu Füssen, so hatte er es sich vorgestellt. Warum genau sie ihn nicht rein lassen, er weiss es nicht, sagt er. Einen Tag dürfe er in Assis bleiben, dann gehe es zurück nach Peru. In Chile und Equador sei ihm das auch schon passiert. Als Peruaner bekomme man einfach kein Visum. Nirgendwo. Einmal, ohne Visum unterwegs, habe man ihn sogar polizeilich abgeführt und zur Grenze gefahren.
"Die Leute glauben, die Peruaner wollten aus ihrem Land fliehen. Eine neue Arbeit, ein besseres Leben finden. Aber das will ich garnicht. Ich will einfach nur mal über mein Land hinausschauen, ein bisschen Reisen. Ein bisschen von der Welt sehen und wieder nach Hause. Ich mag meine Heimat."
Morgen geht es nach Hause. Wieder zurück.
Ich werde mit ihm fahren. Der Grenzbeamte wird mir 30 Tage geben. Das Minimum. 30 Tage. In einem Monat werde ich mich schonwieder um mein Visum kümmern müssen.Aber 30 Tage sind 30 Tage. Kann man sich da noch ärgern?




* la Plaza : der Platz. In der spanischen Kolonialarchitektur sind sämtliche Strassen im Schachbrettmuster angelegt, den Mittelpunkt einer Stadt bildet der "Plaza de Armas" (Waffenplatz), der meist gemeint ist, wenn von "la Plaza" gesprochen wird.

Samstag, 6. Dezember 2008

Cusco, die vorerst letzte.

Völlig abgespannt lasse ich mich auf die Rückbank eines Taxis fallen, lege meine vollen Taschen neben mich und atme ersteinmal tief durch. "Zum Plaza de Armas, bitte."
Wir entfernen uns vom Schwarzmarkt "La Molina", Fehlanzeige: Zippos gab es nurnoch mit Weihnachtsbäumen. Eine letzte Fahrt durch die Stadt, die mich für eine Woche beherbergt hat, vorbei an berstend vollen Märkten, Indiomamis, die am webend am Strassenrand sitzen oder Käse, Gebäck und Kräuter verkaufen. Rückkehr von der letzten Einkaufstour, in der ich meine letzten 50 Soles für Sachen ausgebe, die es in Puerto Maldonado in der Form nicht gibt: Honig, Schnaps und Farben.
Dann geht es meine schon gepackten Sachen abholen und ab zum Busbahnhof. Ein letzter Hauch kalter Andenluft. Morgen um 8 bin ich wieder im Djungel.

Advent, Advent...



Damit wenigstens ein bisschen Weihnachtsstimmung aufkommt in 28° Dauersauna haben wir uns mächtig ins Zeug gelegt. In leeren Konserven dicke rote Kerzen aus eigens eingefärbten Wachs gegossen und aus dem Gras das Mannshoch vor dem Grundstück wuchert einen Kranz gebunden. Ein bisschen Weihnachten schwappt noch auf dem Postwege aus Europa herüber und ich fühle mich wohl. Nächstes Projekt: Plätzchen backen.