Dienstag, 14. Oktober 2008

Man habe alles versucht...

...sagte Pater Zea. Erfundene Geschichten aufzuschreiben sei in allen Kolonien verboten. Aber die Leute seien hartnäckig, und auch die heilige Kirche kenne Grenzen. Es liege am Land. [...] Ob er erzählen dürfe?
Humboldt seufzte.
Daniel Kehlmann - Die Vermessung der Welt


""Ich will nicht mehr laufen! Ich will getragen werden!" so brüllte der Junge vor sich hin. Der Ausflug war lang gewesen, aber ein nörgelndes Kind war das letzte, was die junge Lehrerin gebrauchen konnte. Somal, die anderen liefen ja auch tapfer weiter. "Wenn du nicht aufhörst zu nörgeln, dann lasse ich dich hier im Wald!". Es half alles nichts, also beschloss sie der kleinen Nervensäge eine Lektion zu erteilen, liess ihn brüllend zurück und machte sich um ein paar Biegungen, bis man den Kleinen nicht mehr sah. Auch das Schreien hatte aufgehört, es hatte funktioniert. So dachte sie zumindest." Enrico arbeitet recht langsam, da er seine Hände zum erzählen braucht, aber wir verzeihen es ihm. Pflanztüten mit Erde füllend sitzen wir in einer Runde und hören ihm zu. Geschichten vom Chuyachaqui interessieren hier jeden."Als sie wieder zurückkehrte um das still gewordene Kind wieder abzuholen, nunja, da war es verschwunden. Erst schrie die Lehrerin wütend umher, dann durchsuchte sie unbeholfen und schuldbewusst den Wald. Mit einer Mischung aus Zorn und Sorgen ging sie dann schliesslich nach Hause. Sie verständigte die Kommune und die Polizei und mit verreinten kräften ging man das Kind suchen, ohne Ergebnis. Früh morgens schon brach man am nächsten Tag auf, das Kind zu suchen, ohne Ergebnis. Derweil wurden die Leute hoffnungslos, missmutig, schoben die Schuld auf die Lehrerin. Ein Kind allein im Wald zu lassen, unverantwortlich. Die Lehrerin selbst vom schlechten Gewissen geplagt, begab sich zu ihrer letzten Hoffnung, einem alten Hexer. Dieser hörte sie an und bat, ihn an die Stelle zu führen, wo das Kind verschwunden war. Man führte ihn dort hin und er setzte sich nieder, lockte die Naturgeister und befragte sie. Der Verdacht bestätigte sich: Der Chuyachaqui hatte sich das Kind genommen. Zwei Tage fastete der alte Hexer, sass im Wald und nahm Kontakt auf zu dem Wald und seinen Geistern, Dämonen und wandernden Seelen, bis sie ihm verrieten, wo das Kind zu finden sei. Die Polizei hatte die Suche schon beendet, doch jetzt schimmerte Hoffnung auf. Man machte sich an besagte Stelle und lauerte. Drei starke Männer versteckt im Gestrüpp des Urwaldes, alle bemüht den Chuyachaqui nicht zu erschrecken, und dann: Es knistert im Gehölz. Irgendjemand oder irgendetwas nähert sich, was genau, das ist bei dem durch die Urwalddecke gefiltertem Sternenlicht kaum zu erkennen. Man stürzt sich auf die kleine Gestalt, wirft sie zu Boden. Mit unbändiger, ja, nicht menschlicher, auf jeden Fall aber nicht kindlicher Kraft wehrt sich der Kleine, schüttelt sich und beisst wild zu. Er brüllt wie am Spiess, bricht einem der Männer die Elle und wäre fast entkommen, doch nun hat man ihn. Das Licht der Taschenlampe zeigt, mit wem man gekämpft hat. Es ist der verlorengeglaubte Junge. Er fletscht die Zähne, seine Haut ist behaart. Noch zwei Tage sagt der Hexenmeister und er hätte sich in einen Affen verwandelt. Jetzt müsse er schnell nach Hause gebracht werden. Der Junge wird eingesperrt. Zwei Tage und Nächte randaliert der kleine, schreit pausenlos, lässt die besorgten Eltern nicht schlafen. Der Hexenmeister sitzt vor der Zimmertür und singt. Singt, raüchert und trommelt. Dann ist Ruhe. Der Hexenmeister verwehrt den Eintritt, es sei noch nicht Zeit. Erst als der Junge wieder anfängt zu schreien fährt ein Lächeln über seine Lippen. Er schreit, doch er schreit nicht nur, er ruft. Die ersten artikulierten Worte, die seit drei Tagen aus dem Zimmer kommen. "Mama! Ich habe Hunger!". Der erschöpfte Junge fällt in die Arme seiner erleichterten Mutter. Seine Behaarung ist verschwunden, der Chuyachaqui hat ihn losgelassen." Wortlos stopfen wir die letzten Tüten. Die Mutter ist die Schwester der Ingeniera, der Vorgesetzten, sie hat das behaarte Kind mit eigenen Augen gesehen. Willi und Percey nicken zustimmend. Sie glauben wirklich an den Chuyachaqui, bekennen sie. Willi weiss zu berichten, sein Onkel habe ihn auch schon gesehen. Eine kleine Gestalt mit grossen Füssen die im Wald sass und nicht auf Rufen und Winken reagierte. Seinen Sombrero, den er einst einem spanischen Bauern abgenommen hat, der sich in seinem Wald breit machen wollte, auf dem Kopf starrte er sie an. Dann war er verschwunden. Ja, den Chuyachaqui gebe es wirklich.

3 Kommentare:

australia -how to get lost hat gesagt…

jaja, die hobits gibt es wirklich!
ps.: wenn ich mehr zeit habe bekommst du den fettesten rediss!

australia -how to get lost hat gesagt…

hobits gibt es wirklich!

Anonym hat gesagt…

Ach ja das sind die schoenen GEschichten der Peruanischen selva. MAn sollte diesen Spirits stets mit grosen Repekt begegenen, da wie super schoen berichtet sie durchaus gefaehrlich werden koennen. Jedoch eigentlich wollen sie uns Menschen nur helfen und beistehen.,
In diesem sinnne wuensche ich dir tausend weitere solch schoener Geschichten und Erfahrungen.

Liebste gruesse zurzeit aus der pazifikKueste Mexicos

machts gut gruesse an alle im Ecocentro
Meine Reisezeit ist nun auch vorbei(16.11)

saludos
que vaya todo bien

Chris